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BIB 2007
Alle Jahre wieder berichtet Barbara Fellgiebel von der
Frankfurter Buchmesse, gibt persönliche Gespräche wieder und entdeckt
Trends.
Meine Buchmesse 2007 beginnt mit der Angst sensibler
AutorInnen, die mich bitten, sie ja nicht anzusprechen, weil sie nach 10
Lesungen und 11 Interviews vielleicht nicht mehr so ganz kontrolliert
und aufmerksam sind und dann in meinen bitterbösen Impressionen
figurieren könnten... Das gibt mir zu denken.
Mittwoch
Die Sonne lacht, ein tiefer Atemzug und ich weiß wieder,
warum ich mir das ganze Literaturspektakel antue. Es ist ein coming-home
Gefühl der besonderen Art. Alles ist an seinem Platz, die großen Verlage
da wo sie immer sind, die meisten kleinen ebenfalls. Das erleichtert die
Orientierung ungemein. Novum: Der Veranstaltungskalender und das
Ausstellerverzeichnis sind dieses Jahr als Ultraleichtgewichte
erhältlich und werden gern mit umhergeschleppt. In den Hallen herrscht
Rauchverbot, was für Aussteller und Besucher unglaublich angenehm ist.
Um so schlimmer und undurchdringlicher sind die Rauchschwaden in den
Verbindungsgängen zwischen den Hallen.
Gastland ist Katalonien, eine Region Spaniens mit eigener
Sprache (Katalan) und jährlich beachtlichen 30 000 Buchneuerscheinungen.
Trotz bunter Folklore und musikalischem Rahmenprogramm wird der normale
Messebetrieb leider zu wenig davon beeinflusst. Das war bei den
Koreanern, die vor ein paar Jahren immerzu in farbenprächtigsten
Gewändern durch die Gänge flanierten, anders.
Joschka Fischer hat über die rot-grünen Jahre geschrieben
und sitzt deshalb auf dem blauen Sofa des ZDF. „Nichts mehr von wegen
drahtig, setzt sich wie’n alter Mann!“ Unverhohlene Genugtuung im
Publikum.
„Lafontaine sei gegen den Kosovokrieg gewesen?“ wettert
er los. „Vielleicht in seinem Kopf – ich hab’ nix gemerkt. Wenn es in
der Politik Ironie gäbe würde ich sagen: wählt ihn alle, dann wird er
wieder Finanzminister und ist schnell wieder weg.“
Ob er wie Schröder vor der Verantwortung weggelaufen sei?
„Nein, bei Schröder war das anders...“ auf seinen Freund
Gerhard lässt er nichts kommen.
Ich staune laut, wie telegen der Mann ist. Da sitzt er
einen halben Meter unter dem Bildschirm, sieht schwammig, bleich, fast
wie ’ne alte Frau aus und oben drüber flimmert er gesund, forsch, viel
schlanker.
Am nächsten Tag steht in der Frankfurter Rundschau:
Fischer sieht aus wie eine alte Frau. Das sollte mir zu denken geben.
Bei 3sat erregt der französische Literaturprofessor und
Psychoanalytiker Pierre Bayard viel Interesse mit seinem Buch Wie man
über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat. und verblüfft mit
seiner Art, keine der von Andrea Meier gestellten Fragen klipp und klar
zu beantworten. Fazit: Es gibt keine Patentlösung, man muss seine eigene
Methode finden. Der Mann sollte lieber in die Politik gehen.
Schräg gegenüber am österreichischen Gemeinschaftsstand
wird die Messe auf Österreichisch eröffnet: Mit feierlichen Reden,
großzügiger Einladung zum abendlichen Empfang im Städelmuseum, sowie
Sekt und leckren Häppchen. Habe die Ehre, da kommt man gleich richtig in
Schwung.
Armin Mueller-Stahl stellt auf der Agora, dem großen
Platz inmitten der Hallen die von ihm illustrierte Neue Brockhaus
Enzyklopädie vor. Bei strahlendem Sonnenschein unter für Frankfurt
ungewöhnlich blauem Himmel kommen die an Chagall erinnernden
vielschichtigen Bilder auf den überdimensionalen Buchrücken besonders
gut zur Geltung. Großzügig wird dem riesengroßen Publikum Sekt und
anderes kredenzt. Eine wahre Verweile-doch-du-bist-so-schön-Atmosphäre.
Im Forum, auf der neuen ARD-Bühne spricht Urs Widmer über
seine zu Beginn dieses Jahres in Frankfurt vor 1 200 Zuhörern („80
Studenten, der Rest Leute meines Alters“) gehaltenen Poetikvorlesungen,
die bei Diogenes als Buch erschienen sind. Vorgestern stellte ich ihn
bei ALFA vor, jetzt sitzt er hier vor mir in greifbarer Nähe und
besticht durch seine bescheidene Art. Ein beeindruckendes Gefühl.
Thomas Gottschalk im Gespräch mit Martin Walser. Ein
Anachronismus? Anlass des Gesprächs ist die Verfilmung von Walsers
Das fliehende Pferd.
Walser ergeht sich in detaillierter
Wetten-dass-Beweihräucherung, Gottschalk versucht offenbare Nervosität
zu überspielen, kommt geschickt mit Hilfe seiner Kinder auf die
Bedeutung des Lesens und staunt über Walsers unerwartet moderne
Ansichten.
„Ein Film muss den Motiven treu sein aber nicht dem Text,
nicht der Dramaturgie“, meint er großzügig. Buch und Film dürfen und
sollen sich keine Konkurrenz machen.
Gottschalk beisst sich fest an der Kunst der Sprache und
entpuppt sich als begeisterter Verfechter gepflegter Sprachtradition:
„Ich liebe Walsers filigrane Sprache. Er beschreibt auf einer Seite was
ich in zwei Sätzen sage, aber wie er das tut, davor verneige ich mich.“
Auf meine Frage, ob er sich vorstellen könne, die Sommer
Wetten-dass Sendung in Portugal zu drehen, meint er: „Gern, nur
entscheid ich das nicht. Ich bin Mallorca herzlich leid!“
Bodo Kirchhoff im legendären Spiegelzelt. Sein
larmoyanter Ton wird von der pessimistischen Fragweise Arno Widmanns
noch unterstrichen. Es geht um vom Schreiben leben können und dem oft
unangebrachten Neid auf den zumeist brotlosen Ruhm. Dass niemand
Schriftsteller wird, weil er reich werden will, ist eine Trivialität,
die man kaum erwähnen muss.
Im Forum läuft der Film das fliehende Pferd. Mit
MartinWalsers Worten im Ohr ist der Film doppelt interessant und macht
doch neugierig aufs Buch, auch wenn – laut Walser – das eine mit dem
anderen nicht verglichen werden sollte.
Im Hotel Maritim wird der beste italienische Reiseführer
prämiert, zu dem der Botschafter verspätet eintrifft. Die Irritation,
die die Verspätung auslöst, zeigt mal wieder, welch kulturelles
Konfliktmoment der unterschiedliche Stellenwert der Pünktlichkeit
ausmacht. Mein Spruch „Wer pünktlich ist, hat keine Fantasie!“ spricht
meine Kollegen an und wird sofort in mehreren Notizbüchern verewigt. Ob
das geballte Interesse der fast 100 anwesenden Journalisten ähnlich groß
wäre, wenn nicht ein köstliches italienisches Büffet winkte?
Journalisten sind nun mal Schmarotzer und nicht so Büffetmüde wie dank
florierender Pharmaindustrie fortbildungseifrige Mediziner.
Unter Politikern ist eine ansteckende Krankheit
ausgebrochen: Man muss ein Buch schreiben. So auch Wowi. Und das ist
auch gut so! heißt Klaus Wowereits neues Buch, das ihn von Interview
zu Gespräch treibt. Souverän, kühl, gelassen, gibt er einprägsame
Antworten und ist für mich derjenige, der die SPD aus dem derzeitigen
Tief ziehen wird. Er kennt jede Ebene und kann sich auf jedes Niveau
einlassen.
Bastian Sick hat nach drei Bänden der Dativ ist dem
Genitiv sein Tod nun seine Zwiebelfischchen zwischen zwei
Buchdeckeln verewigt und Happy Aua genannt – ein schönes
Verschenkbuch, das er bei passenden Kiwicocktails des KIWI-Verlags
(Kiepenheuer & Witsch) vorstellt. Etwas farblos und fahrig; schwer
vorstellbar, dass er normalerweise Tausende von Zuschauern in seinen
Bann zieht.
Da schau ich lieber noch schnell im Übersetzerzentrum
vorbei, höre die letzte zehn Minuten von Denis Schecks Lobtirade auf die
Übersetzer und treffe die mörderische Schwester Silvija Hinzmann.
Abends geht es weiter mit der Qual der Wahl der vielen
Veranstaltungen:
Empfang der österreichischen Regierung im Städelmuseum,
Autorenlesungen im Römer, katalanische Autoren im Literaturhaus mit Eva
Mattes. Ich entscheide mich (nicht zuletzt wegen der geografischen Nähe
zu meiner Unterkunft) für letzteres. Das vor zwei Jahren eröffnete,
hinter das Portikum der ehemaligen Bibliothek gebaute Haus erstrahlt in
anmutiger Würde. Die Lesung ist gut besucht, Eva Mattes mit ihrer
sensuellen Stimme liest großartig. Darauf folgt Ilja Richter, der seine
Sache ebenfalls gut macht, nur nicht das Glück der so ansprechenden
Stimmlage seiner Vorgängerin hat.
Donnerstag
Julia Franck, sanft, Schneewittchentyp, schildert
anschaulich, wie es zu ihrem autobiografisch geprägten Erfolgsbuch
die Mittagsfrau kam. Nichts gegen Julia Franck und die Entscheidung
der Jury, ihr den in nur drei Jahren seines Bestehens erstaunlich
etablierten, angesehenen deutschen Buchpreis zu verleihen. Aber man
fragt sich insgeheim: Inwiefern ist die Entscheidung verlagsgesteuert?
Hat ein Autor, in dessen Verlag noch kein Preisträger ist, eine größere
Gewinnchance? Von sechs Romanen der Shortlist sind erstaunliche drei bei
Hanser erschienen, einer bei Kiepenheuer & Witsch, einer in der
Frankfurter Verlagsanstalt und der Gewinner bei S. Fischer. Arno Geiger,
der erste Buchpreisträger erscheint ebenfalls
bei Hanser. Beeinträchtigt das die Gewinnchancen der drei
Hanserautoren?
Eins der Highlights dieser Buchmesse: Iris Radisch im
Gespräch mit Roger Willemsen am angenehm veränderten, weil viel
offeneren ZEIT-Stand. Es geht um die Lüge – Thema Willemsens jüngsten
Buches. Diese sympathischen, eloquenten Literaturvielwisser spornen sich
gegenseitig zu sprachlichen Höhenflügen und semantischen Purzelbäumen
an:
-
Westerwelle befindet sich oft außerhalb der kausal-logischen Welt und
regt sich über etwas auf, das er erst erfinden müsste.
-
Viele Sendungen der privaten Fernsehkanäle sieht sich das Publikum zu 80
% aus Konträrfaszination an, also nicht weil sie die Sendung so mögen,
sondern weil sich die Menschen am Fremdschämen ergötzen.
Erika Berger spricht über ihr Wechseljahre-Buch, in dem
sie sexuell ermüdeten Frauen empfiehlt, im Bett nicht täglich den
eingesprungenen Rittberger ausprobieren zu wollen, sondern nach dem
Alter gemäßer, sexueller, möglicherweise gleichgeschlechtlicher
Befriedigung zu suchen. Der Moderator ist alarmiert und irritiert.
Als sie zur äußeren Erscheinung kommt und propagiert,
frau solle zu ihren grauen Haaren stehen, wird die in tizianrot
getauchte 68-jährige unglaubwürdig.
Ganz anders dagegen Barbara Rütting: Sie lebt wie sie
lehrt und strahlt mit ihren 80 Jahren und der grauen Haarpracht eine
Schönheit aus, die von ganz tief innen kommt. Beeindruckend und stimmig.
13.00 Uhr – Menschentrauben gruppieren sich um zuvor
nicht wahrgenommene Großbildschirme. Der Literaturnobelpreis 2007 geht
an: DORIS LESSING!
Großer Jubel unter allen Frauen, betretene, enttäuschte
Gesichter bei allen Männern außer einem: Günter Berg, Verlagsleiter von
Hofmann&Campe, dem Verlag, der gerade dabei ist, Doris Lessings
Werkausgabe herauszugeben. Ihr großes, vor ihren Büchern aufgezogenes
Foto wird zigfach abgelichtet. „Sehr englisch klingt der Nome fei net!“
meint eine Besucherin und betrachtet sich das Konterfei der für sie
unbekannten Autorin. Später wird sie lesen können, dass die gebürtige
Engländerin Gregor Gysis angeheiratete Tante ist.
Martin Mosebach liest auf der ARD-Bühne, daneben sitzt
ein verhalten amüsierter Denis –druckfrisch-Scheck. Auf der Agora machen
die Leute Mittagspause vor der malerischen Brockhauskulisse. Gabriele
Krone-Schmalz kommt mit großem Gefolge und Markenzeichen-Haarschnitt gut
gelaunt vorbei. Andere, wie die Autorin Antje Rávic Strubel oder der
frühere Eislaufstar Marika Kilius bewegen sich völlig unerkannt inmitten
der Menge.
Genau gegenüber vom ZEIT-Stand ist der Focus mit Bühne
angesiedelt, was bisweilen zu marktschreierischem „Mein Mikro ist
stärker als deins. Ich kann lauter als du. Leute, hört lieber hierher!“
Effektgehasche führt und strategisch ungünstig Stehende in Ping-Pong
artige Kopfbewegungen versetzt.
Walter Sittler ist in natura genau so schön wie in der
cleveren Krimiserie Ein Fall für den Fuchs und versprüht seinen
Charme eimerweise.
Die österreichische Schriftstellerin Erika Fischer wurde
bekannt durch ihr Buch Aimee und Jaguar. Jetzt hat sie mit
Himmelsstrasse über die eigene Familie geschrieben, weil sie die
letzte ihrer Familie ist, nachdem sich der Bruder drei Wochen nach dem
Tod der Mutter das Leben genommen hat.
Die Annäherung Literatur und Film wird mit jedem Jahr
stärker wahrnehmbar, weil immer mehr Bücher verfilmt werden und
interessant präsentiert werden. So auch Teufelsbraten – die
großartige Verfilmung von Ulla Hahns nicht minder großartigem Buch
Das verborgene Wort.
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